Franziskaner: Ständige Schusswechsel im Zentrum von Bethlehem

Lateinischer Patriarch Sabbah besorgt über jüngste Entwicklung

Bethlehem, 2.4.02 (KAP) Im Stadtzentrum von Bethlehem wird nach kirchlichen Angaben seit dem frühen Dienstagmorgen ständig geschossen. Über der Stadt kreisten israelische Hubschrauber, in den Straßen seien gepanzerte Fahrzeuge zu sehen, berichtete einer der in der Geburtsstadt Jesu tätigen Franziskaner am Dienstag in einem Telefongespräch mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Seit 3.30 Uhr gebe es unentwegt Schusswechsel. Der lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, beriet in seinem Amtssitz in der Jerusalemer Altstadt mit seinen engsten Mitarbeitern über die dramatische Lage.

Der deutsche Franziskaner berichtete aus Bethlehem, die Situation der Ordensleute aus zahlreichen Ländern sei "persönlich erträglich"; allerdings seien die Mönche "mehr oder weniger abgeschlossen" von der Umgebung und könnten die in direkter Nachbarschaft zur Geburtskirche gelegene Klosteranlage nicht verlassen. Bisher sei der Zugang zu der verwinkelt gebauten Kirche möglich. In der lateinischen Katharinenkirche neben der Geburtskirche fänden nach wie vor Gottesdienste und Chorgebet statt.

Nach Angaben des Ordensmannes hatte sein Kloster seit dem Morgen Kontakt zu mehreren Schwestergemeinschaften in der Stadt, die die Schilderung bestätigten. "Wir haben auch keinen einzigen Angestellten mehr im Haus", erläuterte der Franziskaner. Die einheimischen Mitarbeiter könnten sich nicht mehr in der Stadt bewegen.

Sabbah appelliert an Israel

Patriarch Sabbah hatte in seiner Osterbotschaft betont, Friede im Heiligen Land könne nur erreicht werden, wenn Israel seine Armee aus den besetzten Gebieten abziehe. Anstatt auf Gewalt mit noch größerer Gewalt zu reagieren, sollten die Israelis "die geistige Kraft und den moralischen Mut" aufbringen, die besetzten Gebiete zu räumen. Nur damit könne Israel Sicherheit und ein Ende der Angst und der ständigen Bedrohung für sich erreichen; und die Palästinenser bekämen ihre Freiheit, ihr Land und ihre Würde zurück und ihr Leiden hätte ein Ende.

In seiner Osterpredigt hatte Sabbah die führenden Politiker beider Seiten daran erinnert, dass es vor allem an ihnen liege, ob ein Friede zu Stande kommt oder nicht. Der Friedensprozess stecke in einer tödlichen Sackgasse. Nur ein Ende von Unterdrückung und Ungerechtigkeit können den Weg aus dem Teufelskreis von Tod, Hass, Gewalt und Unmenschlichkeit öffnen. "Es ist Zeit, dass die israelischen Führer das verstehen und mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft die nötigen Schritte für echte Sicherheit setzen, anstelle der gegenwärtigen Maßnahmen, die nur den Tod bringen", so der Patriarch.

Sabbah dankte den christlichen Kirchen in aller Welt, allen voran Papst Johannes Paul II. und dem Weltkirchenrat in Genf, für ihre ständige Unterstützung und ihr Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden im Heiligen Land. Auch sprach er jenen Friedensaktivisten seinen Dank aus, die in den vergangenen Tagen nach Israel gekommen sind, um Solidarität zu demonstrieren.

Bethlehems Lutherische Kirche beschädigt

Im Zuge des Vormarsches israelischer Truppen in Bethlehem wurde die lutherische Weihnachtskirche in der Stadt schwer beschädigt. Auch das anliegende "Internationale Zentrum" der Lutheraner und die Wohnung des Pfarrers hätten Schäden abbekommen. Pfarrer Mitri Raheb berichtete, die israelischen Panzer hätten in den frühen Morgenstunden die Altstadt von Bethlehem umstellt und gegen 6.30 Uhr mit Beschießungen begonnen. Seither seien schwere Kämpfe in der Altstadt im Gange, auch in unmittelbarer Nähe des lutherischen Gotteshauses. Vor der Kirche seien Panzer stationiert.

Katholischer Priester in Bethlehem getötet

Nach bisher unbestätigten Berichten wurde bei den Kämpfen in Bethlehem am Dienstag ein katholischer Priester getötet. Der 45-jährige Jacques Assad sei nach einer Gottesdienstfeier beim Verlassen der Kirche vermutlich von israelischen Soldaten erschossen worden. Auch mehrere Ordensfrauen seien verletzt worden, wie aus Ordenskreisen der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA bestätigt wurde. Auch der palästinensische Rundfunk berichte vom Tod des Geistlichen, der Mitglied des Salesianerordens sei.

Aus Protest gegen die Militäraktionen Israels kündigten die Führer der christlichen Kirchen Jerusalems für den Nachmittag einen Marsch vom Jaffa-Tor zum Amtssitz von Ministerpräsident Ariel Sharon an. Diese "totale Invasion" könne nicht hingenommen werden, heißt es in einer Erklärung des lateinischen Patriarchates. Die Kirchenführer hofften auf ein Gespräch mit Sharon, bei dem sie ihre Vermittlung anbieten wollten.

In Bethlehem kam es am Dienstag nach dem Vorstoß weiterer Truppen zu Gefechten mit palästinensischen Kämpfern. Am Rand des Krippenplatzes schossen Palästinenser mit Sturmgewehren auf Panzer. Deren Besatzung erwiderte das Feuer mit schweren Maschinengewehren. Später wurde auch ein Kampfhubschrauber gegen die Palästinenser eingesetzt.

Kirchen planen Marsch nach Bethlehem

Nach Angaben aus dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem wollen morgen Mittwoch die christlichen Kirchen einen Friedensmarsch nach Bethlehem starten. Um zehn Uhr wollen sich Repräsentanten und Gläubige am Check-Point zwischen Jerusalem und Bethlehem treffen. Ob ihnen die israelischen Sicherheitskräfte den Weitermarsch erlauben, sei offen. Man wolle mit der Aktion aber in jedem Fall gegen das Vorgehen der israelischen Armee in Bethlehem und in anderen Orten protestieren.

Weiter Unklarheit über Tod eines Priesters

Unklarheit herrscht nach wie vor über den angeblichen Tod es katholischen Priesters in Bethlehem in Folge der Kämpfe zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Sicherheitskräften, die den ganzen Dienstag über andauerten. Nach palästinensischen Angaben wurde der 45-jährige Priester Jacques Assad, ein Franzose arabischer Abstammung, getötet, sechs Ordensfrauen seien verletzt worden. Ein israelischer Militärsprecher dementierte dies.

Assad feierte nach den aus mehreren Quellen telefonisch übermittelten Informationen im Bethlehemer Marienkloster eine Messe und sei mit einer Gruppe von Ordensfrauen beim Verlassen des Konvents von Schüssen getroffen worden. Der Priester sei vor der Tür des Klosters verblutet, so die Augenzeugenberichte. Eine der Ordensschwestern befinde sich in kritischer Verfassung. Nach anderen Angaben schlug eine israelische Rakete während der Messe in dem Kloster ein.

Unabhängige Informationen zu dem Vorgang gibt es nicht, da die israelische Armee Bethlehem abgeriegelt hat. Auch der Telefonverkehr wurde im Verlauf des Tages unmöglich. Nach Angaben eines deutschen Franziskanermönchs ist sein Kloster von der Außenwelt "mehr oder weniger abgeschnitten". Für ihre Gemeinschaft sei die Lage "noch erträglich".

Kirchenführer demonstrierten in Jerusalem

Aus Protest gegen die israelischen Militäraktionen veranstalteten die Führer der christlichen Kirchen in Jerusalem ebenfalls am Dienstag einen Protestmarsch vom Jaffa-Tor zur Residenz von Premierminister Ariel Scharon in West-Jerusalem. Neben dem Lateinischen Patriarchen Michel Sabbah nahmen auch der armenische Patriarch Torkon Manoogian und Vertreter der Orthodoxie teil.

Zuvor hatten die Kirchenführer einen Appell an US-Präsident George Bush veröffentlicht, in dem sie ihn auffordern, die "unmenschliche Tragödie" in palästinensischen Dörfern und Städten zu beenden.

Kathpress
2. april 2002