Nahostkrise: Papst schickt persönliche Botschaft an Bush

Inhalt noch nicht veröffentlicht - In Bethlehemer Geburtskirche eingeschlossene Ordensleute appellieren, Angriff auf das Gotteshaus zu vermeiden

Rom, 4.4.02 (KAP) Papst Johannes Paul II. hat US-Präsident George Bush eine persönliche Botschaft zur Lage im Nahen Osten übersandt. Wie das italienische Fernsehen am Mittwochabend berichtete, überreichte der vatikanische Außenminister Erzbischof Jean-Louis Tauran dem US-Botschafter beim Heiligen Stuhl, James Nicholson, das Schreiben im Vatikan. Über den Inhalt wurde zunächst nichts bekannt. Am Dienstag war bereits der israelische Botschafter Josef Neville Lamdan im Vatikan einbestellt worden.

Ebenfalls am Mittwochabend sendete das italienische Fernsehen einen Appell der in der Geburtskirche in Bethlehem eingeschlossenen Ordensleute. Die rund 40 Franziskanermönche und Ordensfrauen sowie 30 orthodoxen und armenischen Mönche forderten nachdrücklich dazu auf, einen bewaffneten Angriff auf die Kirche zu vermeiden. Ansonsten sei ein Blutbad unvermeidlich. In dem Gotteshaus, das zu den heiligsten Orten der Christenheit gehört, befinden sich nach Angaben eines Sprechers der Ordensleute rund 200 bewaffnete Palästinenser.

Bethlehem: Ringen um Evakuierung der Geburtskirche

In israelischen Sicherheitskreisen hieß es am Donnerstag, man verhandle über einen Abzug der Palästinenser aus der Geburtskirche. Es gebe den strikten Befehl, die Kirche nicht anzugreifen oder zu beschießen. Aus Armeekreisen verlautete allerdings, die in dem Gotteshaus verschanzten Palästinenser dürften nicht entkommen. In der Stadt durchkämmen Fallschirmjäger Straße für Straße. Ramallah und Bethlehem wurden zu militärischen Sperrgebieten erklärt. Die Einwohner dürfen ihre Häuser nicht verlassen, Diplomaten, Kirchenleute oder Pressevertreter die Städte nicht betreten.

Ausländische Journalisten und Touristen wurden unterdessen in einem Konvoi von gepanzerten Fahrzeugen aus Bethlehem evakuiert. Unter den etwa 15 Personen befanden sich auch fünf italienische und ein armenischer Reporter, die sich seit Dienstag in der besetzten Geburtskirche aufgehalten hatten. Am Abend war einem Arzt der Zugang zu dem Gotteshaus gestattet worden.

Der Obere vom Franziskanerklosters St. Katharina, das unmittelbar neben der Geburtskirche liegt und von den bewaffneten Palästinensern ebenfalls besetzt ist, P. Johannes Simon, äußerte im Gespräch mit Journalisten die Sorge, dass die Lage eskaliert. "Wir befinden uns in einer sehr prekären Situation", so Simon: "Von den Palästinensern werden wir nicht bedroht, aber die Situation ist trotzdem gefährlich." Schließlich wolle Israel der verschanzten Palästinenser irgendwann habhaft werden. Der israelische Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer habe dem Apostolischen Nuntius in Israel zugesichert, dass die Basilika nicht angerührt werde. "Hoffentlich hält er sich daran", sagte Simon.

Nahrungsmittel werden knapp

Er und seine Mitarbeiter könnten sich frei in dem Kloster bewegen, sagte der Klosterobere. Theoretisch könnten sie das Kloster auch verlassen. Das sei seiner Einschätzung nach jedoch zu gefährlich.

Neben der militärischen Bedrohung macht dem Franziskaner auch die Versorgungslage Sorgen: "Wir können hier nicht bis zu 200 Leute versorgen. Unsere Vorräte reichen gerade für zwei Wochen für die 30 bis 40 Mitarbeiter des Konvents". Wie die Palästinenser weiter vorgehen wollten, wisse er nicht. Simon konnte auch keine Angaben zu etwaigen Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern machen. Er habe keine Informationen über Kontakte zwischen Anführern der Besetzer und den israelischen Soldaten, sagte Simon. Die internationale Gemeinschaft müsse helfen, eine friedliche Lösung zu finden.

Am Dienstag hatten sich etwa 150 bis 200 Palästinenser gewaltsam Zutritt zum Franziskanerkloster und zur Geburtsbasilika in Bethlehem verschafft. Die Männer hätten mit ihren Maschinengewehren die Türschlösser zerschossen und sich in dem Gebäude verschanzt, als sie auf der Flucht vor angreifenden israelischen Hubschraubern waren, berichtete der Klosterobere.

"Siegreiche Israelis sollen abziehen"

Der Sprecher des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Raed Abusahlia, sagte, die Sorge gelte nicht nur der Geburtskirche als heiliger Stätte, sondern vor allem dem Leben jedes Menschen, ob Christ, Jude oder Muslim. In dem Konflikt habe Menschenleben offensichtlich jeden Wert verloren, beklagte er. Brutalitäten gebe es von beiden Seiten. Ohne Bereitschaft zu gegenseitiger Vergebung "werden wir in diesem Kreislauf der Gewalt gefangen bleiben", so Abusahlia.

Patriarch Michel Sabbah hob hervor, Israel habe den Kampf um Bethlehem "bereits gewonnen". Es gebe keine Gründe für Israel, weiter in der Stadt zu bleiben. Die israelischen Soldaten sollten daher "in Frieden abziehen".

Nach Korrespondentenberichten haben sich die Kämpfe in den Palästinensergebieten am Donnerstag trotz internationaler Friedensappelle weiter verstärkt. Israelische Panzer rückten am Morgen auch in Nablus ein, eine der letzten autonomen Palästinenserstädte in der Westbank. Lediglich Jericho ist noch nicht betroffen.

Sodano ruft zur Mäßigung auf

Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano hat Israelis und Palästinenser zur Mäßigung aufgefordert. In einem am Donnerstag veröffentlichten Beitrag für die katholische Tageszeitung "Avvenire" schrieb Sodano, es sei der Zeitpunkt gekommen, an dem alle Beteiligten noch einmal über den besten Weg zum Frieden nachdenken müssten. Grundlegend dafür sei die Beachtung der UN-Resolutionen sowie "Mäßigung" auf allen Seiten. "Man kann das Feuer nicht mit Feuer löschen", erklärte Sodano und forderte dazu auf, gemeinsam mit dem Papst für den Frieden zu beten.

Kritik an Israels Politik und Antisemitismus

Der frühere Präfekt der Ostkirchenkongregation, Kardinal Achille Silvestrini, stellte fest, der historische Aussöhnungsprozess zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum dürfe durch die gegenwärtige Kritik an der Politik der israelischen Regierung nicht gefährdet werden. In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit der italienischen Tageszeitung "Il Messaggero" betonte Silvestrini, zwar spiele der gegenwärtige Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beim Wiederaufleben des Antisemitismus eine Rolle, es gelte jedoch, den politischen Aspekt streng vom religiösen zu trennen. Wenn die Kritik am Vorgehen von Ariel Sharon in aller Schärfe geübt werde, bedeute dies nicht, dass die Versöhnung zwischen Christen und Juden in Frage gestellt werde.

Silvestrini erinnerte daran, dass die katholische Kirche seit Papst Johannes XXIII. zahlreiche Schritte zur Versöhnung mit den Juden unternommen habe, bis hin zum historischen Papstbesuch im Heiligen Land im Jahr 2000. Dieses Erbe dürfe "nicht im Geringsten in Zweifel gezogen werden". Zum Vorgehen der Regierung Sharon gegen die Palästinenser bemerkte Silvestrini, Israel begreife derzeit offenbar nicht, dass Sicherheit nicht aus Blutbädern und Besetzungen entstehen könne.

Israelische Soldaten in der Basilika?

Israelische Soldaten haben am Donnerstagvormittag nach unbestätigten Berichten eine Tür des Gebäudekomplexes um die Geburtskirche in Bethlehem aufgebrochen. Dabei soll es sich um eine Metalltür handeln, die zu dem an der Kirche gelegenen Garten führt.

Auch der christliche Bürgermeister von Bethlehem, Hanna Nasser, sagte im Gespräch mit der Missionsnachrichtenagentur "Misna", israelische Soldaten seien in den Gebäudekomplex der Geburtskirche eingedrungen. Er habe mit dem palästinensischen Gouverneur von Bethlehem, Muhammad al Madani, telefoniert, der sich im Inneren der Basilika aufhalte, berichtete Nasser. Al Madani habe davon berichtet, dass israelische Soldaten bereits im Gebäudekomplex seien.

Franziskanerorden appelliert an Bush

Der Franziskanerorden hat in einem Brief an US-Präsident George W. Bush appelliert, Maßnahmen für eine Entspannung des Konflikts um die Geburtskirche in Bethlehem zu ergreifen. Der Generalminister der Franziskaner, Pater Giacomo Bini, rief den US-Präsidenten auf, ein sofortiges Ende der jüngsten Eskalation der Gewalt in Bethlehem und in anderen Teilen des Heiligen Landes zu erreichen. Er formuliere diese Bitte auch im Namen der Franziskanermönche, die in der Geburtskirche eingeschlossen sind, sowie der christlichen und muslimischen Bewohner der Stadt.

Bush sei als US-Präsident der einzige Politiker, der die unheilvolle Spirale der Gewalt zu einem sofortigen Ende bringen könne. Die Franziskaner seien überzeugt, dass der einzige Weg zu einer Klärung des Konflikts im Nahen Osten in Verhandlungen liege, "wie lange und schmerzvoll dieser Prozess auch sein möge". Bush müsse darauf bestehen, dass das beiderseitige Gespräch der einzige legitime Weg sei.

Der Provinzialminister der deutschen Franziskaner, Pater Norbert Plogmann, bat den deutschen Außenminister Joschka Fischer um verstärkte Bemühungen für eine friedliche Konfliktlösung. Es bestehe tiefe Besorgnis um die Menschen in der Stadt und die franziskanischen Brüder in dem Kloster, die zum Teil selbst palästinensischer Herkunft seien. Plogmann bezeichnete es als unvorstellbar, dass der symbolträchtige Ort der Geburt des "Friedensfürsten" Jesu in die kriegerischen Auseinandersetzung einbezogen werde.

Rund 40 Mitglieder des Ordens befinden sich in der Basilika, der Konvent in Bethlehem wird von einem Deutschen geleitet. Franziskaner sind seit Jahrhunderten im Heiligen Land tätig und sind auf katholischer Seite offizielle Hüter der Heiligen Stätten.

Bewaffnete im Franziskanerkonvent

Laut Informationen des vatikanische Missionsnachrichtendienstes "Fides" spitzte sich am frühen Donnerstagnachmittag die Lage in der Geburtskirche und den anliegenden Gebäuden weiter zu. Nach den Explosionen an einer Tür der Kirche seien einige der im Inneren verschanzten bewaffneten Palästinenser in den benachbarten Franziskaner-Konvent vorgerückt. Israelische Soldaten seien bisher nicht in das Gotteshaus eingedrungen.

Unterdessen berichtete der mit im Konvent eingeschlossene Franziskanerpater Johannes Simon in einem Telefonat mit der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, dass sich in dem Gebäudekomplex außer den Ordensleuten ausschließlich bewaffnete Kämpfer aufhielten. Berichte, es gebe dort auch Familien mit Kindern, seien falsch. Simon betonte, die Franziskaner seien entschlossen, im Konvent zu bleiben.

Militär dementiert Eindringen in Geburtskirche

Ein israelischer Militärsprecher dementierte ein Eindringen von Soldaten in die besetzte Geburtskirche. Zugleich bestätigte er Kämpfe zwischen israelischer Armee und bewaffneten Palästinensern rund um das Gotteshaus. Nach Aussage des Sprechers des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Raed Abusaliah, machen die in der Kirche verschanzten Menschen keinen Gebrauch von ihren Waffen.

Kathpress
4. april 2002